Die Aufbereitung, Erschließung, Archivierung und Bereitstellung kultureller Überlieferung stellt eine der traditionellen Aufgaben von Bibliotheken, Archiven und Museen dar. Durch die Verbreitung digitaler Medien und innovativer Informationstechnologien hat dieses traditionelle Aufgabenspektrum eine deutliche Erweiterung erfahren. Zum einen werden analog vorliegende Daten digitalisiert. Zum anderen wachsen die Menge und die Vielfalt der Informationen, die in originär digitaler Gestalt vorliegen, beständig an. Angesichts der Vielfalt der Anforderungen ist bei der Erstellung, Aufbereitung und Sicherung digitalen Kulturerbes eine Abstimmung notwendig, um ein effizientes Vorgehen zu gewährleisten und die Qualität der Angebote zu sichern.
Vor diesem Hintergrund betreibt die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena (ThULB) in Abstimmung mit ihren Partnern den Aufbau der Universal Electronic Multimedia Library (UrMEL). Mit dem Betrieb von UrMEL verfolgt die ThULB Jena das Ziel, eigene Sammlungen sowie Bestände der beteiligten Partnerinstitutionen im Rahmen von Projekten zu digitalisieren, zu erschließen, zu archivieren und online bereit zu stellen. Darüber hinaus steht mit UrMEL eine zentrale Infrastruktur für das elektronische Publizieren zur Verfügung, welche den komplexen Anforderungen einer forschungsorientierten Wissensgesellschaft entgegenkommt. Hiermit sollen nachhaltige Voraussetzungen für die Erzeugung zukünftiger kultureller Überlieferung sowie für die Schaffung neuen Wissens gelegt werden.
Mit UrMEL stellt die ThULB in ihrer Funktion als Landesbibliothek des Freistaates Thüringen und im Rahmen ihrer gesetzlichen Aufgabenstellung eine Plattform zur Verfügung, welche das Digitale Archiv Thüringen sowie umfangreiche Bestände einzelner Bibliotheken und Kultureinrichtungen unter Einbeziehung der entsprechenden Forschungseinrichtungen repräsentiert. Die auf MyCoRe basierenden UrMEL-Anwendungen sind zudem ein wichtiger Baustein beim Aufbau eines zentralen Landesportals (Thüringen-Portal) als Beitrag des Freistaats zu einer Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) und weiterer Initiativen im Zusammenhang mit Kulturgutdigitalisierung in Thüringen. Darüber hinaus ist die ThULB Jena mit UrMEL als Mitglied in der AG-Regionalportale vertreten.
Was ist UrMEL?
UrMEL wurde im Jahr 1999 unter dem Namen "University Multimedia Electronic Library" ins Leben gerufen. Mit dem Ziel der Erfassung, Speicherung und Bereitstellung digitaler Publikationen wurde UrMEL von der ThULB Jena in Zusammenarbeit mit dem Universitätsrechenzentrum (URZ) sowie dem Multimediazentrum (MMZ) der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) aufgebaut. Darüber hinaus wurde schon bald die Möglichkeit genutzt, weitere Thüringer Institutionen mit verschiedenen Projekten zu integrieren. UrMEL wurde sukzessive zu einer zentralen Projektplattform erweitert, an welcher nicht nur Bibliotheken, sondern zusehends auch Archive und weitere Kultureinrichtungen partizipierten.
Aufgrund dieser erweiterten Aufgabenstellung wurde UrMEL im Jahr 2010 in "Universal Multimedia Electronic Library" umbenannt.
UrMEL setzt sich aus verschiedenen Segmenten zusammen. Im Rahmen der Digitalen Bibliothek Thüringen wird der Online-Zugang zu Hochschuldokumenten geboten wie Dissertationen, Forschungsberichte, fachlich evaluierte Abschlussarbeiten bis hin zu Habilitationen. Die Digitale Bibliothek Thüringen dient als Plattform für elektronische Semesterapparate und stellt zudem audiovisuelle Medien zur Verfügung.
Abb.: Digitale Bibliothek Thüringen (DBT)
Das Zeitschriftenportal Journals@UrMEL bietet Zugang zu digitalen Beständen periodisch erschienener bzw. erscheinender Literatur. Hierzu zählen nicht nur ältere, kulturhistorisch bedeutende und forschungsrelevante Zeitschriftenbestände, sondern auch Zeitschriften, welche in originär digitaler Form veröffentlicht werden. Durch Digitalisierung werden im Rahmen von Journals@UrMEL vielfach bestandsgefährdete Zeitschriftenbestände vor dem Zerfall bewahrt. Gleichzeitig werden sie als kulturhistorisch herausragende und forschungsrelevante Materialien leichter zugänglich gemacht. Darüber hinaus werden von der ThULB Jena in Zusammenarbeit mit Verlagen und Fachgesellschaften reine Online-Zeitschriften herausgegeben und publiziert.
Kulturelle Überlieferung verschiedener Bibliotheken und Kultureinrichtungen wird im Rahmen von UrMEL in einer Reihe von Anwendungen zur Verfügung gestellt und in virtuellen Forschungsumgebungen zusammengebunden. Dazu zählt nicht nur die Digitale Historische Bibliothek Erfurt / Gotha, sondern auch KoRAX - das multimediale Archiv der Vereinigten Domstifter zu Naumburg, Merseburg und des Kollegiatstifts Zeitz. Die zentrale Anwendung für die Bereitstellung historischer Überlieferung wie mittelalterliche Handschriften, Inkunabeln sowie nach 1500 erschienener monographischer Druckmaterialien und Nachlassmaterialien bildet die Anwendung "Historische Bestände" der ThULB Jena. Hieran sind verschiedene Kooperationspartner beteiligt. Das Pilotprojekt für die Einrichtung dieser Anwendung bildete das DFG-Projekt "Digitalisierung, Erschließung und wissenschaftliche Aufarbeitung der 'Bibliotheca Electoralis'".
Archivalische Überlieferung steht ebenfalls in einer Reihe von archivspezifischen Applikationen zur Verfügung. Neben einer Anwendung für das Universitätsarchiv der Friedrich-Schiller-Universität Jena steht kirchliche Primärüberlieferung im Rahmen eines Zugangs der Kirchenarchive Jena bereit. Zentrales Modul innerhalb UrMELs für die Erschließung und Präsentation archivischer Bestände stellt das Digitale Archiv Thüringen dar. Es wird getragen von den Thüringer Staatsarchiven.
Welche Anforderungen stellt UrMEL?
Der Umgang mit sehr unterschiedlichen Ressourcen stellt für die Entwicklung eine permanente Herausforderung dar:
• Die Vielfalt der Daten und ihre Komplexität verlangen einen professionellen Umgang mit den Materialien. Die Modifikation konventioneller Verfahren reicht dabei nicht aus. Stattdessen kommt es darauf an, wirklich neue Prozesse und Strukturen zu erarbeiten, zu denen auch eine qualifizierte Reduzierung der heterogenen Informationen auf ein vertretbares Maß zählt.
• Die Autoren und Rezipienten wissenschaftlicher Publikationen stellen berechtigte Ansprüche, der Manipulierbarkeit, Unsicherheit, Kurzlebigkeit und unsicheren Zitierfähigkeit elektronischer Informationen eine Qualitätssicherung entgegenzusetzen.
• Damit einhergehend stehen die Forderungen nach einer Wahrung der Publikationsrechte, einer strukturierten Erschließung, nach dauerhafter Archivierung und professionellen Recherchemöglichkeiten in einem verlässlichen System.
Welches Angebot unterbreitet UrMEL?
Diesen differenzierten Anforderungen haben wir uns in enger Kooperation mit unseren Partnern gestellt, indem wir:
• durch eine qualitative Evaluierung, systematische Erschließung und sichere Archivierung der Informationen sowohl dem Publizierenden als auch dem Rezipienten eine institutionelle Basis offerieren,
• Verfassern wie Informationssuchenden verlässliche Strukturen, rechtliche Sicherheit und professionell aufbereitete Suchmöglichkeiten anbieten,
• Entwicklungskapazitäten in einem großen, die Grenzen Thüringens weit überschreitenden Entwicklungsteam bündeln und damit die Voraussetzungen für eine kontinuierliche Qualitätsverbesserung schaffen.
UrMELs Vorteile?
Die Vorteile von UrMEL sehen wir in der Bündelung und Professionalisierung der bisher verstreuten Aktivitäten der wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen im Freistaat Thüringen und in der Schaffung der Möglichkeit, auch kleineren Partnern, deren Entwicklungskapazitäten auf diesem Bereich naturgemäß gering sind, ein hochqualifiziertes Angebot zu eröffnen, wodurch die Leistungen der einschlägig interessierten Öffentlichkeit unabhängig vom Standort angeboten werden können.
Mit den durch die ThULB und dem URZ bereitgestellten materiellen und personellen Ressourcen bieten wir den Verfassern von digitalen Dokumenten sowie den Informationssuchenden mit der multimedialen Bibliothek UrMEL eine gesicherte Dokumentenarchivierung, verlässliche Strukturen, rechtliche Sicherheit sowie komplexe Recherchemöglichkeiten, die eine Nachhaltigkeit des Projektes garantieren.
Wie funktioniert UrMEL?
Als Basissoftware wurde der IBM Content Manager gewählt, welcher effiziente Methoden zur Organisierung und Speicherung beliebiger digitaler Objekte bietet, sowie ein umfangreiches Repertoire an Softwarebausteinen zum Suchen und Wiederauffinden von multimedialen Informationen beinhaltet. Das Kernstück der Speicher- und Management-Infrastruktur des Content Managers ist der Library-Server. Er hält die gesamten Kataloginformationen bereit und liefert die Zeiger zu den einzelnen Objekten. Der Object Server speichert die digitalen Objekte. Dabei ist die Architektur so gestaltet, dass durch referentielle Integrität die Einheit von Objekten und dazugehörigen Metadaten immer gewährleistet ist. Der Content Manager bietet allerdings nur Grundbausteine zur Erstellung komfortabler Applikationen. Die nachfolgend genannten Projekte (MyCoRe, Digitale Bibliothek Thüringen, Projekt Online-Zeitschriften, Projekt Online Verwaltung historischer Dokumente - Archiv, Nachlässe und Handschriften) sind Anwendungen, welche über ein Java -API auf Komponenten des Content Managers zugreifen. Sie bestehen jeweils aus einer umfangreichen Java-Klassenbibliothek, die zahlreiche Methoden zum Erstellen, Löschen, Verändern etc. von Objekten, sowie Servlets zur webbasierten Recherche und Applets zum interaktiven Ändern zur Verfügung stellen.
Die technische Basis von UrMEL ist ein skalierbares Client-Serversystem, das in der ThULB im Rahmen des Bibliotheksneubaus erweitert und ausgebaut werden konnte. Die einzelnen Server sind auf Maschinen unterschiedlicher Ausstattung installiert:
• Library-Server
4-Wege IBM pSeries 660 Model 6H1 4 Gbyte Hauptspeicher
100 Gbyte Raid System
• Object-Server, VideoCharger Server
2-Wege IBM pSeries 660 Model 6H1 2 Gbyte Hauptspeicher
jeweils ca. 650 Gbyte Raid System
Alle Maschinen verfügen über Gb-Ethernetanschluss. Als Test- und Entwicklungssystem wird eine 44P Model 270 verwendet.
Um Entwicklungskapazitäten zu bündeln, haben sich Anwender des IBM Content Managers und IBM zu einem großen Entwicklungsteam unter dem Namen MyCoRe zusammengeschlossen. MyCoRe ist ein Open Source Projekt zur Entwicklung eines Basissystems für digitale Bibliotheken und Archivlösungen. Ausgangspunkt war hierfür die Applikation MILESS, die den Anforderungen solch komplexer Datenmodelle nicht mehr gewachsen war. Auch hier sind Mitarbeiter und Studenten des Universitätsrechenzentrums (URZ) und des Multimediazentrums (MMZ) beteiligt.
Die Basissoftware aller UrMEL-Anwendungen ist MyCoRe, eine von mehreren Universitäten entwickelte Lösung eines Content Repositories, auf dessen Grundlage Dokumenten- und Publikationsserver aufgebaut werden können. Der MyCoRe-Kern besteht aus einer Java-Klassenbibliothek und weiteren Konfigurations- und Definitionsdateien. MyCoRe verwendet Java- und XML/XSL-Technologien und unterstützt für die Verwaltung und Suche in den Inhalten verschiedene Backend-Systeme. Neben Open Source Backends wie MySQL und Apache Lucene werden auch kommerzielle Backend-Systeme wie IBM DB2 unterstützt. Die in den Anwendungen verwalteten Objekte können aus einer oder aus mehreren Dateien oder auch aus ganzen Dateibäumen bestehen und vielfältige Datenformate besitzen. Die Dateien können abhängig vom Datentyp auf unterschiedlichen Speichern abgelegt werden. So ist es möglich, Video-Files auf Streaming-Servern zu halten und auch die Vorteile solcher Server zu nutzen. Die Anwendungen verfügen über ein Managementinterface zur Verwaltung der Daten. Die Zugriffsrechteverwaltung ermöglicht einen flexiblen Schutz der Objekte.
Auf alle Anwendungen kann über standardisierte Schnittstellen wie OAI, Webservices und Z39.50 zugegriffen werden. Damit ist es auf der Grundlage des modularen Aufbau von UrMEL möglich Anwendungen zu erstellen die die spezifischen Anforderungen von Bibliotheken und Archiven berücksichtigen. Die digitalen Objekte selbst werden auf Raid Systemen des Universitätsrechenzentrums (URZ) die über Fibre Channel an die UrMEL Produktionsserver angebunden sind gespeichert. Diese Speichersysteme werden dabei über den IBM Storage SUN Volume Controller (SVC) verwaltet und virtualisiert. Diese Technologie ermöglicht das Spiegeln der Volumes auf Raid Systeme im Multimediazentrum der FSU. Die Metadaten werden auf Datenbankebene (DB2) gespiegelt und darüber hinaus im URZ gesichert. Zusätzlich wird ein tägliches Snapshot der Digitalen Objekte per "rsync" auf ein Speichersystem des URZ vorgenommen. Mit diesen beiden Sicherungsarten ist sowohl eine Archivierung als auch hohe Ausfallsicherung gegeben. Darüber hinaus ist vorgesehen, die Langzeitarchivierung in Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek und der Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen im Rahmen des Projekts "Kopal" über einen zu entwickelnden MyCoRe-Connector sicherzustellen. Mit UrMEL wurde somit ein leistungsfähiges System geschaffen, auf deren Basis Anwendungen mit nahezu beliebigen Datenmodellen entwickelt werden können. Die nachfolgend genannten Projekte (Digitale Bibliothek Thüringen, Projekt Online-Zeitschriften, Projekt Online Verwaltung historischer Dokumente - Archiv, Nachlässe und Handschriften) sind Anwendungen welche alle auf dieser Soft und Hardwarebasis aufsetzen
über UrMEL (in Auswahl):
R. HERZOG, M. LÖRZER, S. WEFERS: Die multimediale Bibliothek am Beispiel der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, in: Bibliothek: Forschung & Praxis 26 (2002), S. 124-136.
G. KUHLES, S. WEFERS: Verwaltung, Erschließung und Archivierung multimedialer Dokumente in UrMEL, in: ABI-Technik 21 (2001), S. 219-231.
M. LÖRZER, T. MUTSCHLER, H. NAUMANN, B. POST: Jenaer Kirchenbücher digital, in: Archivar 62 (2009), S. 390-397.
M. LÖRZER und T. MUTSCHLER: Grenzüberschreitung erwünscht. Neue Wege der Zusammenarbeit bei der Aufbereitung und Online-Präsentation kultureller Überlieferung, in: Ludger Syré (Hg.): Dichternachlässe. Literarische Sammlungen und Archive in den Regionalbibliotheken von Deutschland, Österreich und der Schweiz, Frankfurt am Main 2009 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie, Sonderband 98), S. 77-90.
S. WEFERS: Zwischen Tradition und Innovation. Die Landesbibliothek des Freistaats Thüringen, in: Palmbaum 17 (2009), S. 19-25.
S. WEFERS: Virtuelle Forschungswelten. Workshop Digitale Bibliotheken - national, regional, lokal. Frankfurt, Die Deutsche Bibliothek, 06.-07.03.2003
S. WEFERS: Wissensvernetzung - Die Rolle der Bibliotheken, in: FS SUB Bremen [in Vorbereitung].
S. WEFERS und M. LÖRZER: Die Welt von UrMEL. Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung "Wir UrMELN": Möglichkeiten der Erschließung, Präsentation und Archivierung digitaler Quellen, Bonn: 10.11.2009.
S.WEFERS, M. LÖRZER, U.KRÖNERT, A.TRAPPE, G.KUHLES: URMEL-DL-WORKSHOP THULB, JENA 6.04.2004
Weitere Informationen zu UrMEL sind im Rahmen der Digitalen Bibliothek Thüringen zugänglich.