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Beitrag Martin Treu

 ... an die Türen der Wittenberger Kirchen - Luther schlug die Thesen an

Der erste, der explizit von einem Thesenanschlag spricht, ist Philipp Melanchthon in seiner Vorrede zum 2. Band der lateinischen Werkausgabe Luthers 1546. Allerdings war Luther zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Melanchthon selbst kam erst im August 1518 nach Wittenberg und konnte so kein Augenzeuge für den Vorgang sein. Daraus hat Erwin Iserloh 1961 gefolgert, der Thesenanschlag habe nicht stattgefunden, was bis heute in der Öffentlichkeit Furore macht.

Die wieder aufgefundene kurze chronikalische Notiz Rörers kann auf Deutsch übersetzt werden: "Am Vorabend des Allerheiligenfestes im Jahre des Herren 1517 sind von Doktor Martin Luther Thesen über den Ablass an die Türen der Wittenberger Kirchen angeschlagen worden." (Übersetzungsvorschlag M. Treu)

Die Eintragung findet sich auf dem letzten Blatt des angehängten Registers zu Das Neue Testament Deutsch, Wittenberg: Hans Lufft 1540 (VD 16 B 4429). Es handelt sich dabei um das Arbeitsexemplar zur Revision der Bibel von 1541 und 1544 mit Eintragungen von Luther, zwei von Melanchthon und einer Vielzahl von Georg Rörer. Die Zeilen zum Thesenanschlag stammen nicht von Luther, sondern von seinem Sekretär Georg Rörer. Die Autorschaft Rörers erklärt, warum der Text von Luther in der dritten Person redet. Vier Argumente sprechen für eine Datierung der Notiz in den Spätherbst 1544:

  • Die Unabhängigkeit des Textes vom Bericht Melanchthons, den auch Rörer zweifelsfrei 1546 zur Kenntnis genommen hatte (ThULB Jena, Ms. Bos. q. 24u, vorderes Vorsatzblatt verso: Handschrift Rörers).
  • Die Erwähnung der beiden Wittenberger Kirchen als Ort des Thesenanschlages entspricht den ältesten Universitätsstatuten, allerdings ist auch hier Rörers Formulierung davon nicht abhängig.
  • Der Zusammenhang mit der zweiten chronikalischen Notiz Rörers auf derselben Bibelseite über das Eintreffen Melanchthons in Wittenberg am 25. August 1518 mit der Uhrzeitangabe vormittags 10.00 Uhr. Diese kann nur auf einen Augenzeugen oder Melanchthon, letzteres ist wahrscheinlicher, zurückgehen.
  • Die Stellung der chronikalischen Notiz am Ende des Bandes unmittelbar vor dem Impressum.

Die Durchsicht des Neuen Testaments wurde am 19. Dezember 1544 beendet. Insgesamt gilt das Dictum von Otto Reichert von 1923 (WA DB 4, S. XLVI) auch noch heute: "Die Urkunde muss immer stärker sein als die Reflexion." In diesem Sinne stellt Rörers Notiz die älteste autographe Quelle für den Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 in Wittenberg dar.

Dr. Martin Treu (Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt in Wittenberg)